von Deniz und Christophe

Ob auf der Superbooth, der Minibooth oder beim Festival für selbstgebaute Musik: Unsere Arbeiten mit modifizierten Abspielmedien stoßen immer wieder auf viel Interesse und Begeisterung. Vielleicht auch deshalb, weil an ihnen etwas sichtbar wird, das bei digitalen Musikwerkzeugen oft im Hintergrund bleibt: Musik ist nicht nur Klang, sondern immer auch an Medien, Material und ihre Wiedergabetechnik gebunden.
Viele jüngere Besucher begegnen Plattenspielern und Kassettenrekordern zum ersten Mal. Schon das Einlegen einer Kassette oder das Aufsetzen der Nadel wird dann zu einem kleinen medienarchäologischen Moment.
Musik mit Musik
Der Ausdruck „Musik mit Musik“ erinnert an Johannes Kreidlers gleichnamigen Text und Buchtitel. Bei Kreidler geht es um Aneignung, Referenz, digitale Kultur und um Musik, die bereits vorhandene Musik als kompositorisches Material verwendet.
Solche Ideen haben viele künstlerische Nachbarschaften. Bereits in der Musique concrète wurden Tonbänder und Schallplatten als Material für neue Kompositionen verstanden. Die Tonbandmusik machte Schnitt, Montage, Umkehrung, Wiederholung und Verlangsamung des aufgenommenen Klangs zu allseits bekannten Verfahren des Samplings. In der akusmatischen Musik wurde das Hören schließlich von jeder sichtbaren Klangquelle gelöst.
In der Praxis von lev wird Musik mit Musik zu einer haptischen Erfahrung. In bestimmter Hinsicht beinhalten unsere Instrumente eine Gegenbewegung zur Akusmatik: Sie lösen den Klang nicht von seiner Quelle, sondern machen seine mediale Herkunft stärker sicht- und greifbar. Kassettenband, Rille, Tonkopf, Nadel und Schnittkante gehören zur audiovisuellen musikalischen Erfahrung dazu.
Die Tape Machines und das Plattenmosaik übertragen Ideen und Techniken des Samplings in eine körperlich erfahrbare und soziale Praxis. Man sieht sehr gut, wo der Klang herkommt, was verändert wird — und hört auch sofort, wie sich der eigene Eingriff auf den Sound auswirkt. Sampling findet dabei nicht im Musikstudio statt, sondern im gemeinsamen Ausprobieren: An unseren Instrumenten-Tischen liegen die Samples buchstäblich vor den Teilnehmenden und können direkt bespielt werden.
Die Tape Machine als intuitives Tonband-Instrument
Bei den Tape Machines werden Kassettenrekorder zu spielbaren Tonband-Instrumenten: Geschwindigkeit, Muten, Stoppen und Wiederanfahren verformen die Musik intuitiv und in Echtzeit. Die Reduktion der Tape Machines ist ihre Stärke: Ein Drehregler für die Geschwindigkeit und ein Taster für „Ton An/Aus“ reichen aus, um Musik mit Musik zu machen.
Das Plattenmosaik als anfassbares Sample


Fürs Plattenmosaik haben wir alte Schallplatten in zwei oder vier Teile zerschnitten, sodass sich ihre Fragmente lose auf dem Plattenteller kombinieren, collagieren und remixen lassen. Die Schallplatte wird dabei zu einer rotierenden Sampling-Fläche: gespeicherte Musik, sichtbares Material und Abspielbewegung fallen zusammen.
Der hörbare Schnitt


In modernen DAWs werden Übergänge zwischen Samples häufig durch Crossfades geglättet. Beim Plattenmosaik passiert das Gegenteil: Der Bruch tritt als Ploppen an den Schnittkanten hervor. Man könnte an den Jump Cut bei Jean-Luc Godard denken: Auch dort soll der Schnitt nicht verschwinden, sondern den scheinbar selbstverständlichen Fluss des Films stören und die Montage sichtbar machen.
Der hörbare Schnitt wird beim Plattenmosaik zu einem Teil der Musik. Die Musik der Platten verschmilzt mit dem mechanischen Geräusch der Nadel, die über die Schnittkanten springt. Je nach Material wirkt der Plopp dabei wie eine zusätzliche Kick-Drum oder ein rauer Auftakt — zwischen neuem Disco-Beat und Free-Jazz-Collage.
Happy Accidents und Medienkompetenz
Die Tape Machines und das Plattenmosaik laden aktiv zum Musikmachen mit Musikmedien ein. Das passt zu einer handlungsorientierten Medienpädagogik. Medienkompetenz bedeutet nicht nur, Geräte bedienen zu können, sondern auch Medien zu verstehen, zu verändern und ihre Bedingungen zu hinterfragen. Wer eine Kassette verlangsamt oder ein Vinylfragment verschiebt, erfährt etwas über Speicherung, Wiedergabe, Schnitt, Wiederholung und Materialität — nicht als Theorie, sondern durch aktives Hören und Handeln.
Die Stärke der „Musik-mit-Musik“-Instrumente liegt nicht darin, dass sie alles kontrollierbar machen. Im Gegenteil: Sie lassen Dinge geschehen, die nicht vollständig planbar sind. Ein Tape rauscht und läuft nie ohne Fluktuation. Beim Plattenmosaik entstehen Happy Accidents oft dann, wenn ein Fragment plötzlich in einen Loop gerät. An einer Schnittkante oder Unebenheit wird die Nadel aus ihrem normalen Lauf gebracht und setzt ein Stück weiter innen oder außen wieder auf. Wenn sie dabei an eine Stelle zurückspringt, die sie gerade erst abgespielt hat, entsteht eine mechanische Schleife: Ein kurzer Ausschnitt der in der Rille gespeicherten Musik kehrt wieder und wieder zurück. Dazu kommen die Plopps und Sprünge des zerschnittenen Vinyls. Genauso plötzlich kann sich dieser Loop wieder auflösen: Die Nadel springt aus der Schleife heraus, und die Wiederholung bricht ab.
Die „Musik-mit-Musik„-Instrumente verschieben den Begriff des Könnens. Es geht nicht primär um eine instrumentale Virtuosität, sondern um ein Zusammenspiel aus Hören, Reagieren und Entscheiden und darum eine Instabilität nicht sofort korrigieren zu wollen, sondern sie musikalisch zu nutzen.
Sampling zum Anfassen
Tape Machines und Plattenmosaik zeigen zwei unterschiedliche Formen eines analogen Samplings zum Anfassen.
Digitale Sampler, DAWs und Apps sind präziser, schneller und flexibler. Interessant ist der Unterschied der Erfahrung: In digitalen Musikprogrammen erscheint das Sample häufig als Wellenform, Clip oder farbiger Block auf einem Screen. Der Schnitt wird mit Maus, Finger oder Cursor gesetzt. Man arbeitet mit einem grafischen Stellvertreterbild des Klangs, während das eigentliche Speichermedium unsichtbar bleibt. Bei Kassette und Schallplatte bleiben dieselben Operationen an eine Mechanik gebunden. Sampling zum Anfassen bedeutet nicht: zurück in eine Zeit vor dem Computer. Es bedeutet, die Grundlagen des Samplings als mediale und audiovisuelle Handlung erfahrbar zu machen.
Musik mit Musik entsteht in einem dauernden Wechsel aus Hören und Reaktion. Vorhandene Musik wird im Moment verlangsamt, unterbrochen, wiederholt oder verfremdet. Zugleich bringen die Instrumente als Musikmaschinen eigene Bewegungen und Zufälle ins Spiel. Man arbeitet nicht nur an der Musik, sondern mit Apparaten, die etwas zurückgeben, vorschlagen oder aus der Bahn geraten lassen.
LINK SAMMLUNG:
„Wie der Ton auf die Schallplatte kommt“
„Die Kompaktkassette (MC) im Detail“
Johannes Kreidler: „Musik mit Musik“, pdf
https://www.kreidler-net.de/theorie/musikmitmusik.htm
„Collage, Montage, Sampling“, pdf
https://mediarep.org/server/api/core/bitstreams/3f06ed33-2377-4848-8ef8-1ff35b707d91/content
„Schallplatten als Kunstobjekt“
„PLUNDERPHONICS – ALLES NUR GEKLAUT?„
https://www.kollektiv-magazin.com/plunderphonics-alles-nur-geklaut?utm_source=chatgpt.com
Künstler und Werke im Kontext von Plunderphonics / Recycling / Appropriation: