von Gisbert
In den Winterferien bietet die Junge Deutsche Oper regelmäßig musikpädagogische Projekte für Kinder und Jugendliche an – das Winterferien-Musiklabor. Im Februar 2026 war ich mit einem Format zu Stimme und Elektronik dabei. Es war meine erste Kooperation mit der Deutschen Oper – und die Kreativität sowie das Engagement der Kinder haben mich begeistert. Es war eine Freude, Impulse zu geben, die freudig aufgegriffen wurden und den lebendigen und intensiven Prozess hin zu unserer Abschlussaufführung zu moderieren. Hier ein Rückblick auf diesen Prozess.
Music-Makerspace m3
Für alle vier Labore gab es zu Beginn zunächst eine gemeinsame Begrüßung in der Tischlerei, der zweiten Spielstätte der Deutschen Oper Berlin. Dorthin kehrten wir zum Ende wieder zurück für Generalproben und den Abschluss mit Aufführungen aller Labore. Das Labor 4 fand aber nicht in Räumen der Deutschen Oper statt, sondern im kunstvoll holzvertäfelten Veranstaltungsraum der benachbarten Heinrich-Schulz-Bibliothek.

Dort gibt es den Musik-Makerspace m3, bestehend aus zwei Computern mit Musiksoftware (Ableton Live, Garageband, Sonic Pi), Keyboards, Mikrofonen und Kopfhörern. Außerdem besitzt die Bibliothek ca. 10 iPads mit diversen Musikapps. Diese Ausstattung diente uns im Labor als Instrumentarium für unsere elektronischen Experimente.

Ich selbst habe in der Bibliothek unter anderem bereits den Treffpunkt Synthesizer durchgeführt und habe mich gefreut über die Gelegenheit, eine ganze Woche dort mal intensiv Themen elektronischer Musik vermitteln zu können. Toll unterstützt wurde ich dabei von Percy, Praktikant bei der Deutschen Oper, außerdem natürlich vom Team der Jungen Deutschen Oper und nicht zuletzt von Julian Obando Rodriguez von der Heinrich-Schulz Bibliothek. Teilgenommen haben 9 Kinder zwischen 8 und 12 Jahren.
Ein Musiklabor – was ist das?
Ein Labor ist ein Ort für Experimente, häufig mit ungewissem Ausgang. Wir nehmen Elemente, untersuchen ihre Eigenschaften, kombinieren sie miteinander und lassen uns überraschen, was dabei heraus kommt. In einem Musiklabor sind die benutzten Elemente aber keine chemischen Substanzen, sondern Klänge.
Meine Rolle als Laborleiter bestand zunächst darin, den Rahmen und die sich bietenden Möglichkeiten vorzustellen. Im Laufe der Woche wurde ich dann zusehends zu einem Moderator der Prozesse, die die Kinder eigenständig gestalteten. Das hatte ich vorher so anvisiert und bin nachhaltig begeistert von den teilnehmenden Kindern, die sich mit großer Gestaltungsfreude und viel Motivation eingebracht haben. Eine Inspiration für diese offene Vorgehensweise sind Ideen aus der Community Music. Deren Prinzip, dass Musik sich aus den Fähigkeiten und Interessen derer ergibt, die sie gemeinsam machen, passt für mich perfekt mit einem experimentellen Ansatz zusammen, wie er beim Begriff des Labors mitschwingt.
Stimme…
Schlag ein Buch zufällig auf, tippe wahllos mit dem Finger auf einen Satz und – wenn er Dir gefällt – schreib ihn auf.





Diese Versuchsanordnung liefert schnell eine reiche Auswahl an Text, insbesondere in einer Bibliothek. Diese Texte haben wir für viele verschiedene Sprachexperimente genutzt.

Rein klangliche, nicht bedeutungstragende Aspekte der Stimme haben wir unter die Lupe genommen, indem wir zusammen Vokale getönt haben und Konsonanten für Beat-Boxing benutzt haben.

Beim Beatboxing haben wir auch einen Bogen geschlagen zu den Instrumenten, mit denen Rhythmen erzeugt werden: das akustische Drum-Set und die elektronische Drum-Machine.
Die Vormittage haben wir in der Regel gemeinsam an solchen stimmlichen Versuchsanordnungen experimentiert, am Nachmittag haben wir unsere Stimmen dann kombiniert mit Techniken elektronischer Musik.
… und Elektronik
Mit den Computern des Music Makerspace m3 haben die Kinder ihre Stimmen aufgenommen.


Im Vordergrund standen dabei die grundlegenden Funktionsweisen des Programms Garageband: Klang aufnehmen, abspielen, mit Effekten versehen und Editieren. Parallel dazu konnten Kinder Garageband und ander Musiksoftware auch individuell auf einem iPad nutzen.

Durch die Nutzung von Kopfhörern konnten die Kinder in dieser Phase ihre Arbeit ganz persönlich navigieren und je nach Interesse individuell die Möglichkeiten einer Musikapp erkunden oder in einer Kleingruppe zusammenarbeiten.

Ergebnisse, Erkenntnisse und Fragen aus diesen individuellen Arbeitsphasen haben wir jeweils zusammengetragen. Innerhalb von zwei, drei Tagen kristallisierten sich erste Interessen heraus:
- Zwei Kinder arbeiteten als Duo an einer Performance mit der App Koala: nur aus Aufnahmen ihrer Stimmen erstellten sie eine atmosphärische Klangcollage, die schließlich in wilde Rhythmen mündete.
- Zwei weitere Kinder entwickelten mit Loops in Garageband auf dem iPad eine Solo-DJ-Performance
- Drei Kinder waren besonders am Beatboxing interessiert
- Eine weitere Dreiergruppe bereitete sich vor, um die Abschlusspräsentation zu moderieren
Ein offener Prozess
Koordiniert haben wir diese vielfältigen parallelen Prozesse mit mehreren Methoden. Zunächst haben wir uns einen Überblick verschafft über die Interessen in der Gruppe.


Die Moderations-Gruppe hat dann die verschiedenen Elemente zu einem gesamten Ablauf gerahmt. Zunächst anhand flexibler Methoden mit Papier und Klebeband:


Was dann schließlich in einen definitiven Ablauf mündete. Hier einige der Partituren, die schließlich die Grundlage für die Aufführungen bildeten:
Wann welcher Effekt für die Klang-Collagen-Performance mit Koala?

Ein Auszug der Moderationstexte:

Manche Herausforderungen wurden erst im Probenprozess deutlich: für die beiden DJ-Performances brauchte es dringend Tanz, denn wenn jemand alleine auf der Bühne steht und auf dem iPad kleine Fingerbewegungen macht, hat das Publikum kaum etwas zu sehen. Die nötigen Tanz-Choregrafien, haben die Kinder mit viel Herzblut eigenständig erarbeitet.
Den Zusammenhalt als Gruppe haben wir bei der Aufführung und auch im Probenprozess durch einige wenige kollektive Aktivität gepflegt. So haben wir uns einen Schlachtruf zugelegt, haben gemeinsam die „Meditation der Vokale“ getönt und als Finale alle zusammen über einen Loop von Percy gesungen.

Mich hat es angerührt, wie die teilnehmenden Kinder den angebotenen Rahmen und die gesetzten Impulse angenommen und damit ihre ganz eigenen Projekte umgesetzt haben. Abschließend nochmal ein Dankeschön an alle, die dieses Projekt möglich gemacht und unterstützt haben!