Sampling & Erinnerung

with No Comm­ents

von Gis­bert

In 2025 habe ich mit Musi­ker­kol­le­ge Tho­mas Mül­ler die Klän­ge einer über acht­hun­dert Jah­re alten Ton­ras­sel wie­der zum Klin­gen gebracht. „Wie­der zum Klin­gen gebracht“ war auch der Name des Pro­jek­tes, bei dem wir die­se Ras­sel im Neu­en Muse­um Ber­lin auf­ge­nom­men haben und ihre Klän­ge für eine Auf­füh­rung und ein Klang­in­stal­la­ti­on in der Zita­del­le Span­dau als kom­po­si­to­ri­schen Aus­gangs­punkt genutzt haben. Das Pro­jekt schlägt klang­lich einen Bogen in die Ver­gan­gen­heit. Ganz wesent­lich dabei ist die Tech­nik des Sam­pling, die ihrer­seits eine Geschich­te hat. Davon möch­te ich hier eini­ge aus­ge­wähl­te Sta­tio­nen vorstellen.

Sampling – was ist das?

Mit Samples Musik machen bedeu­tet, Klän­ge zu benut­zen, die in der Ver­gan­gen­heit ein­mal erklun­gen sind. Die Grund­kon­stel­la­ti­on sieht so aus:

  • es gibt eine Klang­quel­le, z. B. den Ton eines akus­ti­sches Instru­ments, ein Geräusch, oder einen Abschnitt auf einer Schallplatte
  • ein kur­zes Sam­ple die­ser Klang­quel­le wird aufgenommen
  • das Sam­ple kann im Sam­pler bear­bei­tet wer­den, z. B. gekürzt und in der Laut­stär­ke angepasst
  • das Sam­ple wird über die Ober­flä­che eines Sam­plers zum Abspie­len zur Ver­fü­gung gestellt
  • mehr­fach wie­der­holt ergibt sich ein Set von Samples, z. B. ver­schie­de­ne Ton­hö­hen­be­rei­che gespielt von einer Gei­ge oder auch Kick­drum, Hihat und Sna­re eines Schlagzeuges

Stationen aus der Geschichte des Sampling – Tonband

Eine frü­he Form des Sam­pling war das Auf­neh­men von Klän­gen mit Ton­band, hier demons­triert von Delia Der­byshire:

Das Bear­bei­ten der gesam­ple­ten Klän­ge mit Ton­band war auf­wen­dig und ein­ge­schränkt, aber durch das Ton­band als phy­si­schen Infor­ma­ti­ons­trä­ger ist es auch anschau­lich und im wahrs­ten Sin­ne des Wor­tes greif­bar: Bear­bei­tung fin­det statt, indem das Ton­band geschnit­ten wird, Ton­hö­hen geän­dert, indem die Abspiel­ge­schwin­dig­keit vari­iert wird. Bei lev haben wir in 2023 ver­gleich­ba­re For­men des Sam­pling mit modi­fi­zier­ten Kas­set­ten­re­kor­dern explo­riert. Außer­dem rele­vant ist z. B. der fran­zö­si­sche Kom­po­nist Pierre Schaef­fer, der an den Mög­lich­kei­ten des Ton­ban­des eine gänz­lich neue Form des Musik­ma­chens fest­ge­macht hat, die Musi­que Con­crè­te.

Das Mellotron

Ein nächs­ter Schritt war es, in Form des Mel­lo­tron die Wie­der­ga­be von Klän­gen per Ton­band mit einer Key­board-Tas­ta­tur zu kom­bi­nie­ren. Das Spie­len von Samples wur­de so vom Bedie­nen eines Gerä­tes zum Spie­len eines Instru­ments:

Digitales Sampling

Mit dem Fair­light CMI wur­de Sam­pling in den 80er Jah­ren digi­tal: Klang wur­de nun nicht mehr auf Ton­band, ein ana­lo­ges Medi­um, gespei­chert, son­dern codiert.

Hier demons­triert Jazz­pia­nist Her­bie Han­cock Sam­pling mit dem Fair­light bei der Sesamstraße:

Mit dem Fair­light kamen Klän­ge split­tern­den Gla­ses in Kate Bush´s Hit Baboosh­ka, wur­de ein orches­tra­ler Stak­ka­to-Akkord aus Igor Stravinski´s Werk Feu­er­vo­gel zum Orches­tra Hit, zu hören in unzäh­li­gen Pop-Pro­duk­tio­nen. Die­ses Sam­ple eines Orches­ters war von einer Schall­plat­te, also nicht einer direk­ten Klang­quel­le son­dern einer Auf­zeich­nung, erstellt wor­den. So ein Vor­ge­hen spiel­te in meh­re­ren Musik­sti­len vor allem in den 90er Jah­ren eine gro­ße Rolle.

Sampling in HipHop und Drum´n´Bass

Ein Bei­spiel: In 1971 ver­öf­fent­lich­te Bill Withers den Song „Grandma´s Hands“:

In 1996 ver­öf­fent­lich­te Black­street den Hip­Hop-Track „No Diggity“:

Pro­du­zent Dr Dre nutzt dafür offen­sicht­lich ein Sam­ple von Wither´s Song, leicht erhöht im Tem­po und in der Tonhöhe.

Einer der am meis­ten als Beat ein­ge­setz­ten Samples ist der soge­nann­te Amen Break, eine kur­ze Schlag­zeug Solo-Pas­sa­ge aus dem Stück „Amen, Brot­her“, das die Soul­band The Win­s­tons 1969 ver­öf­fent­licht haben, der Schlag­zeu­ger ist Gre­go­ry C. Coleman.

Das Musik­pro­du­zen­ten der 90er Jah­re Schall­plat­ten sam­ple­ten, die in den 60er und 70er Jah­ren pro­du­ziert wur­den, brach­te Klang­tex­tu­ren die­ser Ära wie­der in den Fokus, kon­tex­tua­li­sier­te sie aber neu. Beats wur­den geschnit­ten und neu zusam­men­ge­setzt, ver­lang­samt oder im Tem­po erhöht, gefil­tert oder mit Hall ver­se­hen. Eine Web­sei­te, die Ver­hält­nis­se zwi­schen Musik­stü­cken und ihrer Ver­wen­dung als und von Samples auf­zeigt ist whosampled.com, hier sind z. B. die aktu­ell 7331 Songs gelis­tet, die „Amen, Brot­her“ per Sam­ple zitie­ren. MEhr Hin­ter­grün­de zu Sam­pling im Hip­hop fin­den sich hier.

Sampling Techniken

Die spe­zi­fi­schen tech­ni­schen Mög­lich­kei­ten und Nut­zer­ober­flä­chen von Hard­ware-Sam­plern wie dem Fair­light oder dem MPC von Akai haben die musi­ka­li­schen Ergeb­nis­se geprägt. Inzwi­schen gibt es dar­über hin­aus eine Fül­le von Soft­ware, die auf ganz unter­schied­li­che Arbeits­wei­sen zuge­schnit­ten sein ist.

So ist Kon­takt von Nati­ve Instru­ments dar­auf opti­miert, akus­ti­sche Instru­men­te digi­tal spiel­bar zu machen. Eine gro­ße Anzahl von Samples unter­schied­li­cher Ton­hö­hen, Klang­far­ben und Laut­stär­ken eines oder meh­re­rer Instru­men­te die­nen hier dazu, sol­che Instru­men­te über­zeu­gend digi­tal ver­füg­bar zu machen, also z. B. ein rea­lis­ti­sches Streich­or­ches­ter zur Ver­fü­gung zu stel­len.

Ande­re Anwen­dun­gen wie zum Bei­spiel Sam­plr für iOS stel­len eher die Mög­lich­kei­ten zur Ver­frem­dung und Wei­ter­ver­ab­ei­tung von Samples in den Mittelpunkt:

Per­sön­lich fin­de ich zwei tech­ni­sche Neue­run­gen der letz­ten Jah­re beson­ders fas­zi­nie­rend. Mit Soft­ware-Plug­ins wie Myth und Syn­plant eröff­net sich das Feld der Re-Syn­the­se. Klän­ge wer­den dabei nicht auf­ge­nom­men, son­dern von der Soft­ware qua­si „nach­ge­baut“, also zunächst ana­ly­siert und dann mög­lichst ori­gi­nal­ge­treu syn­the­ti­siert. Das lässt die Gren­zen zwi­schen Sam­pling und Syn­the­se ver­schwim­men und bie­tet noch weit­rei­chen­de­re Mög­lich­kei­ten, in den Klang ein­zu­grei­fen, als das anhand der Bear­bei­tung von Samples mög­lich ist.

Als einen Durch­bruch emp­fin­de ich auch das soge­nann­te con­ca­te­na­ti­ve sam­pling: eine gro­ße Men­ge klei­ner Samples wird auto­ma­tisch ana­ly­siert und lässt sich nach ver­schie­de­nen Kate­go­rien der Ähn­lich­keit grup­pie­ren. Das bie­tet z. B. Coale­s­cence von Dil­lon Bastan, eine max­for­li­ve-Soft­ware, die inner­halb von Able­ton Live nutz­bar ist.

Wieder zum Klingen gebracht

Coale­s­cence und Myth sind zwei Soft­ware-Instru­men­te, die ich unter ande­rem für das Pro­jekt „Wie­der zum Klin­gen gebracht“ genutzt habe. Neben aktu­el­ler Soft­ware kam aber auch Tech­nik zum Ein­satz, die ihrer­seits bereits Teil der Musik- und Tech­nik­ge­schich­te ist, wie ein inzwi­schen obso­le­ter Mini­Disc-Play­er oder die eher umständ­li­che, nicht mehr her­ge­stell­te Groo­ve­box Zoom AR-48.

Das Spie­len von Klän­gen eines uralten Instru­men­tes trägt ein Para­dox in sich: das Hören der Klän­ge geschieht immer nur im aktu­el­len Moment, das Wis­sen um das hohe Alter des Klang­er­zeu­gers schlägt aber einen zeit­li­chen Bogen weit über die eige­ne Lebens­zeit hin­aus, eröff­net einen Zeit­ho­ri­zont, den wir nicht erfas­sen kön­nen, son­dern dem wir uns mit unse­rer Erfah­rung nur annä­hern können.

Da die Ton­ras­sel ein his­to­ri­sches Arte­fakt ist und nur von Mit­ar­bei­ten­den des Muse­ums demons­triert wer­den darf, war Sam­pling das ein­zi­ge Mit­tel, ihre Klän­ge in einem Kon­zert zu prä­sen­tie­ren. Aber nicht nur die Klän­ge des his­to­ri­schen Instru­men­tes, auch die ver­schie­de­nen Sam­pling-Tech­nik, ihre Mög­lich­kei­ten und Ein­schrän­kun­gen haben unser Musik­ma­chen ent­schei­dent geprägt.

Zu hören und sehen gibt es Impres­sio­nen vom Auf­tritt im Mai 2025…

… und Ein­drü­cke von der Klang­in­stal­la­ti­on vom Sep­tem­ber 2025, kom­bi­niert mit 3D-Model­len der Rassel.

Wei­te­re Hin­ter­grün­de zum Auf­tritt fin­den sich hier, zur Klang­in­stal­la­ti­on hier. Dan­ke für die För­de­rung an den Fonds Dezen­tra­le Kul­tur­ar­beit Span­dau.

Sampling & Erinnerung

Unser Bild der Ver­gan­gen­heit ist geprägt von Aus­wahl, von den Inhal­ten, auf die wir uns rück­be­zie­hen. Das gilt für Musik­sti­le wie Hip­hop und Drum´n´Bass, die in den 90er die Pati­na der 60er/70er-Jah­re in Form von Jazz- und Soul-Samples rekon­tex­tua­li­siert haben. Die damals gera­de neu zur Ver­fü­gung ste­hen­den digi­ta­len Hard­ware-Sam­pler wie­sen durch in Popu­lar­mu­sik bis­lang unge­hör­te Mon­ta­ge­tech­ni­ken in die Zukunft, beschwo­ren aber gleich­zei­tig klang­li­che Tex­tu­ren der Ver­gan­gen­heit: Rau­schen, Kom­pres­si­on und sanf­te Ver­zer­rung ana­lo­ger Auf­nah­men auf Ton­band, gespei­chert auf Vinyl-Ton­trä­gern. Schlag­zeug-Beats klan­gen in Abgren­zung zum Drum-Machi­ne-Trend der 80er nun wie­der hand­ge­spielt – aller­dings in Form von Samples.

Die Klän­ge der Ton­ras­sel aus dem Neu­en Muse­um ver­wei­sen auf eine Ver­gan­gen­heit, die sehr viel län­ger schon Geschich­te ist. Wie sie kon­kret benutzt wur­de, was die Bedeu­tung die­ses Instru­men­tes wahr, ja, ob es über­haupt als Instru­ment auf­ge­fasst wur­de – all das ist unklar. Gera­de die­ses Nicht-Wis­sen, die Distanz, tritt in der Beschäf­ti­gung in den Vor­der­grund. Wir müs­sen uns das Ver­schwin­den die­ser Ver­gan­gen­heit ein­ge­ste­hen und das ver­weist dar­auf, dass wir uns als Men­schen ohne­hin immer eine Basis in der Geschich­te kon­stru­ie­ren: wir bezie­hen uns mit der Ver­gan­gen­heit auf etwas, das nie kom­plett greif­bar ist. Auch wird deut­lich, wie unser Bezug auf die Ver­gan­gen­heit abhän­gig ist von unse­ren Schwer­punkt­set­zun­gen und von den Tech­no­lo­gien, die wir nut­zen, um Ver­ge­hen­des zu spei­chern oder zu reimaginieren.

Die mäan­dern­de, amor­phe Musik, mit der wir die Ras­sel „wie­der zum Klin­gen gebracht“ haben, reflek­tiert die­se Ungreif­bar­keit des Ver­gan­ge­nen, wen­det sich dem uner­mess­li­chen Zeit­ho­ri­zont, indem wir uns befin­den, freu­dig zu.

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